Plaue ist seit 1952 ein Stadtteil von Brandenburg an der Havel
Brandenburg-Plaue (Havel)
Gartenstadt Plaue
Beitrittserklärung zur Genossenschaft, 1916
Siedlerfamilie der Gartenstadt, 1916
Paul Schmitthenner
Grundriss eines Einfamilienhauses
Dörfliche Wohnidylle in einer Werkssiedlung der Rüstungsindustrie
Einleitung Die Gartenstadt Plaue ist eine der baugeschichtlich interessantesten von insgesamt 29 Siedlungen und
Wohnanlagen im heutigen Stadtgebiet Brandenburg an der Havel, die zwischen 1890 und 1945 errichtet
wurden. Die Siedlung, ein bedeutendes Frühwerk des Architekten Paul Schmitthenner, entspricht nicht nur in
besonderer Weise dem zeitgenössischen städtebaulichen Ideal, sondern ist darüber hinaus als ein
Hauptbeispiel der Gartenstadtbewegung im Land Brandenburg anzusehen.
Gründung der Baugenossenschaft Gartenstadt Plaue eGmbH Kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges geplant, wurde die Gartenstadt Plaue im Auftrag des Reichsamtes
des Inneren zwischen 1915 und 1918 nach Entwurf Paul Schmitthenners für die Facharbeiter der
Königlichen Pulverfabrik im benachbarten Kirchmöser errichtet. Sie entstand in landschaftlich reizvoller Lage
auf freiem Feld etwa einen halben Kilometer nördlich des damals selbständigen Städtchens Plaue. Das
kriegswichtige Bauvorhaben erfuhr besondere finanzielle Unterstützung. So gewährte das
Reichsinnenministerium der 1915 gegründeten Baugenossenschaft Gartenstadt Plaue eGmbH beträchtliche
Subventionen in Höhe von 1.380.000 Mark. Die Gartenstadt Plaue eingetragene Genossenschaft mit
beschränkter Haftung wurde am 6. Juli 1915 unter der Nummer 48 in das Genossenschaftsregister
eingetragen. Gegenstand des Unternehmens war die Erbauung von Häusern zum Vermieten.
Die Gartenstadt Plaue eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung wurde am 6. Juli 1915 unter
der Nummer 48 in das Genossenschaftsregister eingetragen. Gegenstand des Unternehmens war die
Erbauung von Häusern zum Vermieten. Die Haftsumme je Geschäftsanteil belief sich auf 300 Mark, die Zahl
der Geschäftsanteile war auf maximal 10 pro Genossen beschränkt. Der Vorstand setzte sich zusammen
aus: Bürgermeister Georg Weinrich, Betriebsschreiber Hermann Behn und Ziegeleibesitzer Willy Miekeis.
Die Gründungsversammlung hatte am 26. Juni 1915 in Anwesenheit der Militärarbeiter, welche die Siedlung
zukünftig bewohnen sollten, stattgefunden.
Ebenezer Howards städtebauliches Konzept der Gartenstadt Die als Garten-Stadt bezeichnete halbländliche Wohnsiedlung bei Plaue hinterlässt einen beschaulichen, in
sich geschlossenen und dörflichen Eindruck. Wie alle so genannten deutschen Gartenstädte unterscheidet
sie sich wesentlich von der ursprünglichen Idee der Gartenstadt, die der Engländer Ebenezer Howard (1850-
1928) im späten 19. Jahrhundert als Lösung der durch zunehmende Industrialisierung hervorgerufenen
Wohnprobleme formulierte. Sein Ziel bestand in der Abkehr von übervölkerten Mietwohnvierteln am Rande
bestehender Industriestädte zugunsten planmäßiger Neugründung in sich autarker Gemeinwesen, die
Arbeiten und Wohnen in idealer Weise verbanden. Eine Gartenstadt im Sinne Howards besteht aus einem
den öffentlichen Gebäuden vorbehaltenen Zentrum, das innerhalb eines Grüngürtels liegt. Um diese
Kernstadt gruppiert sich ein Kranz kleinstädtischer '',Satelliten.'' ,''Diese sollten nicht etwa nur Wohnvororte
sein, sondern alles umfassen, was zu einer Stadt gehört: von den Wohnungen über Geschäfte, Schulen, öffentliche und kulturelle Einrichtungen, bis zu industriellen und anderen Arbeitsstätten, alles in sinnvoller
Zuordnung zueinander, verbunden durch Schnellbahnen, durch grünt, umgeben von Landwirtschaft und die
Vorteile von Stadt und Land vereinend. ,''Für Grund und Boden sah Howard den Verbleib in Gemeinbesitz
vor, ein wesentlicher sozialreformsicher Aspekt der Gartenstadtbewegung.'' Ebenezer Howards
Vorstellungen gewannen nicht den von ihm erhofften Einfluss auf die Neuordnung der Großstädte. Selbst in
den von ihm persönlich realisierten Projekten (1902: Letchworth für 35.000 Einwohner, 1919: Weiwyn für
50.000 Einwohner) konnte die geschilderte komplexe und ideale Stadtgestalt nicht verwirklicht werden. Sie
führte aber unter anderem zur Entwicklung eines weit verbreiteten neuen Typs ''grüner'' Vorstadtsiedlungen,
der in seiner Anlage Stadt, Siedlung und Mensch wieder mit der Natur in Einklang zu bringen trachtete.
''Gartenstadt Plaue'' Werkssiedlung mit Gartenstadtcharakter Vordergründig vermittelt die Gartenstadt Plaue mit ihren eingeschossigen Reihenhäusern und den
zugehörigen Gärten vorindustriell anmutende dörfliche Wohnidylle, tatsächlich verkörperte sie eine
Werkssiedlung der Rüstungsindustrie im Ersten Weltkrieg. Sie diente der werksnahen Unterbringung von
Facharbeitern und spiegelte die soziale Hierarchie der im Werk Beschäftigten insofern wider, dass diese
ihrem Status entsprechend in Kleinhäusern mit der Möglichkeit zur Selbstversorgung lebten. Die ebenfalls in
der Pulverfabrik eingesetzten Zwangsarbeiterinnen waren indessen kasernenartig in 22 Wohnbaracken
untergebracht. Militärbeamte und hohe Offiziere wohnten in seenahen Villen und Doppelhäusern. Nicht
zuletzt erfüllte die Gartenstadt Plaue die Aufgabe: ,''die Stammarbeiterschaft dem sozialdemokratischen
Einfluss der Großstadt zu entziehen und an das Werk und das Vaterland zu binden.''
Paul Schmitthenner Schmitthenner, am 15. Dezember 1884 in Lauterburg im Elsass geboren, hatte sich,
trotz seiner Jugend, zum Zeitpunkt der Errichtung der Gartenstadt Plaue, bereits einen Namen als Architekt
gemacht. Nach Abschluss seines Architekturstudiums in Karlsruhe und München war er zunächst bis 1909
als Leiter des Hochbauamtes in Colmar tätig. Von grundlegender Bedeutung für sein berufliches
Fortkommen dürfte Schmitthenners Wechsel in das Büro des Architekten Richard Riernerschmid in München
gewesen sein. Hier erhielt er Einblicke in die Projektierung der Gartenstadt Hellerau bei Dresden, die sich zu
einem der wichtigsten Vorbilder für deutsche Gartenstädte entwickelte.
An ihrer Realisierung waren neben Riemerschmid führende Architekten der Zeit beteiligt, unter anderem
Heinrich Tessenow, Hermann Muthesius und Theodor Fischer. Seine Beauftragung durch das Reichsamt
des Inneren verdankt Schmitthenner vermutlich der eigenverantwortlichen Tätigkeit beim Bau der
Villenkolonie Carlowitz nahe Breslau in den Jahren 1911-13. Auf dieser Erfahrung aufbauend, plante Paul
Schmitthenner zwischen 1913 und 1918 für das Reichsamt des Inneren die Gartenstädte Staaken bei
Spandau (1914 -17), Plaue bei Brandenburg (1915 - 18) sowie Forstfeld bei Kassel.
Die städtebauliche Anlage dieser Siedlungen ist durch die Berücksichtigung der vorgefundenen
landschaftlichen Gegebenheiten und natürlichen Bedingungen, beispielsweise der Bodenbeschaffenheit, des
vorhandenen Baumbestandes oder des Klimas, gekennzeichnet. Charakteristisch für die Architektur der
Siedlungshäuser ist die variantenreiche Addition einer beschränkten Anzahl standardisierter Grundrisstypen,
in Verbindung mit Fassaden, deren unterschiedliche Gestaltung auf einem festen Kanon regionaltypischen
Formen entlehnter Bauteile (Tür- und Fenstertypen, Gauben etc.) beruht. In der Konzeption der Gartenstädte
verknüpft Schrnitthenner die für seine Architekturauffassung typische Intention des Landschaftsbezogenen
Bauens mit der Kostensenkenden Möglichkeit der Typisierung im Siedlungsbau, ohne in der Ausführung auf
handwerkliche Qualität zu verzichten.
Zum Zeitpunkt der Errichtung der genannten Gartenstädte war Paul Schmitthenner ,,noch nicht als
Architekturprofessor in Stuttgart ein Hauptvertreter der dortigen traditionalistischen Schule, zu dem er sich
nach seiner Berufung als Ordinarius für Baukonstruktion und Entwerfen im Jahre 1918 entwickelte." Auch
war Schmitthenner ,,noch nicht der Propagandist des aufstrebenden Nationalsozialismus," von dessen
Auswüchsen er sich 1941 mit seinem Vortrag ,,Das sanfte Gesetz in der Kunst in Sonderheit in der
Baukunst" abwenden sollte.
Zählte Schmitthenner zu den Mitbegründern der Architektenvereinigung ''Block'' , in der sich konservative
Architekten organisierten, die sich als Gegenpol zum ''Ring'' einer 1924 von führenden Vertretern der
Moderne gegründeten Gruppierung verstand. Das Werk Paul Schmitthenners umfasst zahlreiche
Siedlungen, großbürgerliche Wohnhäuser und öffentliche Bauwerke, nach 1945 bearbeitete er unter
anderem Wiederaufbaupläne für die Städte Freudenstadt und Mainz. Die Poliere, die unter Schmitthenner
arbeiteten, erinnern sich an einen ungewöhnlichen Architekten, der nicht nur bei jedem Richtfest einen
Handstand auf dem Gebälk des Dachstuhls vollführte, sondern das Handwerk oft besser verstand als sie.
1928 zählte Schmitthenner zu den Mitbegründern der Architektenvereinigung ''Block'' , in der sich
konservative Architekten organisierten, die sich als Gegenpol zum „Ring“ einer 1924 von führenden
Vertretern der Moderne gegründeten Gruppierung verstand. Das Werk Paul Schmitthenners umfasst
zahlreiche Siedlungen, großbürgerliche Wohnhäuser und öffentliche Bauwerke, nach 1945 bearbeitete er
unter anderem Wiederaufbaupläne für die Städte Freudenstadt und Mainz. Am 11. November 1972 starb
Paul Schmitthenner 87jährig in München.
Städtebauliche Struktur der Gartenstadt Plaue In zwei der Gartenstadt Plaue gewidmeten, kurz nach Abschluss der Bauarbeiten veröffentlichten Aufsätzen
schildert Paul Schmitthenner anschaulich die Grundlagen des Entwurfsprozesses sowie die gegenseitige
Abhängigkeit von Siedlungsstruktur und Hausgrundrissen. Der Typus oder die verschiedenen
Grundrisstypen einer Siedlung werden ganz klar bestimmt durch die besonderen Verhältnisse der Siedlung
selbst. Die Größe des Geländes, die Himmelsrichtung, die Bewegung im Gelände, der Grundwasserstand.
Anzahl der verlangten Häuser und Größe der Gärten u. a. m. sind bestimmend für die Grundriss-Gestaltung.
Kurz, eine Siedlung entsteht nicht durch wiederholtes Bauen bestimmter Hausarten in mehr oder weniger
gesuchter malerischer Gruppierung, sondern die Hausgrößen und Körper werden bestimmt durch das ganze
Programm der Siedelung und der Siedlungsplan wieder durch diese Häuser." Diese theoretischenÜberlegungen fanden im Entwurf der Gartenstadt Plaue ihre praktische Anwendung: ''Ein Beispiel für die
Zusammenhänge zwischen Siedlungsplan und Grundrissen ist die Siedlung Plaue bei Brandenburg a. H.''
Das Gelände, ca. 10 ha groß, liegt im Nordosten des Städtchens Plaue, wenige hundert Meter vom Fluss
entfernt. Die Siedlung sollte in möglichst unmittelbarer Verbindung mit der Stadt liegen. Ein bestehender
Feldweg mit alten schönen Birken [die heutige Lewaldstraße, Anm. d. Verf.] zieht in leichter Krümmung von
Südwest nach Nordost und verbindet Stadt und Siedlung. Ein zweiter leicht befestigter Schlackenweg [die
heutige Trift- und Waldstraße, Anm. d. Verf.] begrenzt als zweite Verbindung mit der Stadt die Siedlung im
Nordosten."
Dem Bebauungsplan der Siedlung legte Schmitthenner 1915 das bestehende Wegenetz und die
vorgegebene Geländeform zugrunde, wesentlich ist ihm der Erhalt des Baumbestandes. Von den
ursprünglich im Bebauungsplan vorgesehenen 300 Einfamilienhäusern wurden lediglich 212 Häuser in
mehreren Bauabschnitten, zwischen 1916 und 1918, tatsächlich ausgeführt. Der westlich der Lewaldstraße
geplante Siedlungsbereich wurde nicht realisiert.
Beschreibung der Gesamtanlage Die Gartenstadt Plaue wird von einer als Mittelachse ausgebildeten Hauptstraße, der Lewaldstraße,
durchzogen. Ihre platzartige Erweiterung im Zentrum des Siedlungsgeländes wurde durch das Fehlen eines
alten Baumbestandes möglich. Der Platz wird von größeren Wohnhäusern gesäumt und nicht zuletzt
dadurch in seiner Bedeutung hervorgehoben, dass hier das Gemeinschaftshaus der Genossenschaft den
Platzraum im Nordwesten begrenzt. Anfang und Ende der Hauptstraße sind als markante Eingänge zur
Siedlung ausgebildet gewesen, mannshohe Backsteinmauern gaben ehedem die Einfahrt ins
Siedlungsinnere frei. Die kurze Bredowstraße und insbesondere die Zeilenbebauung der Trift-, Wald- und
Scheidtstraße schließen die Gesamtanlage wirkungsvoll zur umgebenden Landschaft ab. Schmitthenner
prägte für diese städtebauliche Struktur das treffende Bild der ''bewohnten Stadtmauer''. Die Hauptstraße
und den östlichen Randbereich der Siedlung verbinden zwei Nebenstraßen, die ihrer Funktion entsprechend
als 1. und 2. Querstraße bezeichnet werden. In Fortführung der 2. Querstraße erschließt eine Stichstraße,
die Wasserwerkstraße, den unvollendeten westlichen Siedlungsbereich.
Hinter den Wohnhäusern erstrecken sich schmale Gärten 30 bis 40 Meter in die Tiefe, sie werden durch ein
eigenes, parallel zu den Straßen geführtes Wirtschaftswegenetz erschlossen. Am nordöstlichen
Siedlungsrand wurde außerhalb der Wohnbebauung, in Verlängerung der Triftstraße, ein großer mit Linden
umpflanzter Kinderspielplatz angelegt.
Die von Paul Schmitthenner entwickelte städtebauliche Struktur der Gartenstadt hat sich unverändert bis in
die Gegenwart erhalten. Ursprünglich war die Gartenstadt Plaue, infolge ihrer Nähe zur gleichnamigen
Ortschaft, als reine Wohnsiedlung angelegt. Das von Schmitthenner geplante Gasthaus am Eingang zur
Wasserwerkstraße kam nicht zur Ausführung. Erst 1924/25 wurde die Baulücke zwischen Wasserwerk und
Lewaldstraße durch den Bau eines Mehrfamilienhauses sowie des anschließenden Gemeinschaftshauses
der Genossenschaft geschlossen.
Im Archiv der gemeinnützigen Wohnungsbaugenossenschaft ''Gartenstadt'' Plaue neu entdeckte
Planunterlagen aus dem Jahr 1927 weisen darauf hin, dass zu dieser Zeit eine Erweiterung der Gartenstadt
Plaue um Breitgelagerte, zweigeschossige Mehrfamilienwohnhäuser vorgesehen war. Diese bereits vom
Kreisbaumeister geprüfte, aber nicht verwirklichte Siedlungserweiterung hätte in ihrer architektonischen
Formensprache im krassen Gegensatz zum dörflichen Erscheinungsbild der Gartenstadt gestanden.
1938 sollte die Gartenstadt Plaue erneut auf Grundlage einer Modifizierung des Bebauungsplanes von 1915
weitergeführt werden. Zuletzt war 1944, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, die Errichtung von 48
Behelfsheimen zwischen Bredow und Wasserwerkstraße geplant, die der Unterbringung von Evakuierten
und Bombengeschädigten dienen sollten. Erst in den siebziger Jahren wurde das Gelände tatsächlich, nun
allerdings durch einen Garagenkomplex bebaut.
Haustypen und architektonische Formensprache Das Erscheinungsbild der Gartenstadt Plaue ist im Wesentlichen von eingeschossiger, traufeständiger
Zeilenbebauung geprägt. Eine Ausnahme stellen die beiden Doppelhäuser an der Bredowstraße dar, wie
auch die zu Vierergruppen zusammengefassten eineinhalbgeschossigen Wohnhäuser, welche die
platzartige Erweiterung der Lewaldstraße umschließen. Insgesamt entwarf Schmitthenner fünf verschiedene
Hausgrundrisse sowie zwei Grundriss-Variationen für die Plauer Gartenstadt. Auf einer Grundstruktur
aufbauend, unterscheiden sie sich im Wesentlichen durch die Anzahl der Schlafräume. Die einzelnen
Grundrisse fügte Schmitthenner häufig in achsensymmetrischer Spiegelung aneinander, Grundrisse
größerer Haustypen wurden miteinander verzahnt. Auf diese Weise konnten verschiedene Wohnungsgrößen
ohne optische Brüche ein einer Häuserzeile zusammengefasst werden. Zugleich täuscht die
Fassadengliederung großzügige Einfamilienhäuser vor, wo sich in Wirklichkeit kleine Doppelhäuser
aneinander reihen.
Der Standardhaustyp weist im Erdgeschoss eine Stube und Wohnküche auf, im ausgebauten Dachgeschoss
die Schlafkammer. Im hofseitigen Anbau lagen die Spülküche, die Toilette und der Stall. Aufgrund des hohen
Grundwasserspiegels erwies sich die Unterkellerung der ersten Bauten (Haustyp 1-3) als wenig
zweckmäßig, so dass ein Vorratsraum zusätzlich zwischen Spülküche und Stall eingefügt wurde (Haustyp
4und 5). Die Wohnhäuser waren zum Zeitpunkt ihrer Erbauung mit elektrischem Licht und Trockenklosetts
ausgestattet. Die Frischwasserversorgung gewährleisteten Brunnen auf dem unbebauten Siedlungsgelände
am Ende der Wasserwerkstraße, an ihrer Einmündung zur Lewaldstraße befand sich das kleine
Pumpenhaus von 1916. Die Abwässer werden bis heute über Sickergruben entsorgt.
Die Fassaden der massiv in Backstein errichteten Reihenhäuser sind verputzt und zum Teil sparsam durch
Wandvorlagen aus Klinker gegliedert. Fünfzehn leicht variierende Haustürtypen, sechs unterschiedliche
Sprossengeteilte Fenstertypen, Klappläden, Giebelelemente, Fledermausgauben und Dachhechte tragen
zum abwechslungsreichen, dennoch geordneten, kleinteilig gegliederten Gesamtbild bei. Der durchlaufende
Sockel und das profilierte Traufe-Sims wirken verbindend. Die Häuserzeilen sind unter Satteldächern
zusammengefasst, die teilweise am Zeilenende einen Krüppelwalm ausbilden. Die den Siedlungseingängen
zugewandten Giebel sind durch gemauerte Voluten in besonderer Weise hervorgehoben.
Nicht zuletzt prägte ein differenziertes Farbkonzept das Erscheinungsbild der Siedlung. Die Farbgebung der
einzelnen Wohnhäuser war nicht an den jeweiligen Haus- oder Bauteiltyp gebunden, sondern Bestandteil
eines wohldurchdachten Ganzen. Das Farbkonzept basierte auf einer Auswahl unterschiedlich kombinierter
erdiger Farbtöne, die die Häuserzeilen rhythmisch gliederten. Die Lewaldstraße zeichnete sich als
Hauptachse der Siedlung durch die aufwendigste Farbgebung aus.
Anja Castens
Die Siedlung der Militär-Arbeiter Die Plauer Gartenstadt entstand zwischen 1915 und 1918 Die 10 ha große Plauer Gartenstadt, die auf dem Reißbrett des berühmten Architekten Paul Schmitthenner (1884-1972) entstand, wurde zwischen 1915 und 1918 gebaut. Die Bauten, die insgesamt fünf verschiedene Hausgrundrisse aufweisen, wurden auf Ackerflächen 500 m vom damals selbständigen Städtchen Plaue gesetzt - der heutigen Gartenstadt. Das Reichsinnenministerium unterstützte die für den Bau am 26. Juni 1915 gegründete Baugenossenschaft mit 1,38 Mio. Euro. Im Genossenschaftsvorstand saß u.a. Bürgermeister Georg Weinrich und Ziegeleibesitzer Willy Michels. ''Die ersten Häuser wurden zumeist in Leichtbauweise mit dünnen Wänden und ohne Keller errichtet'', berichtet Ortschronist Kurt Michel. Der Standard-Haustyp weist im Erdgeschoss eine Stube und Wohnküche auf, im ausgebauten Dachgeschoss eine Dachkammer. Im hofseitigen Anbau befanden sich Spülküche, Trockenklosett und Stall. Aufgrund des hohen Grundwasserspiegels erwiesen sich bei den ersten Häusern Keller als unzweckmäßig, so dass ein Vorratsraum zwischen Küche und Stall eingefügt wurde. Die eingeschossigen Häuser sind mit Klappläden, Giebelelementen, Fledermausgauben und Dachhechten verziert und besitzen eigene Gärten. In den Wohnungen wohnten in der Anfangszeit zumeist Arbeiterfamilien der Pulverfabrik Plaue – vor Fertigstellung der Häuser lebten die Arbeiter in Sälen von Gastwirtschaften wie den '''Goldenen Anker'' und ''Dorothenho''. Für Zwangsarbeiter der Pulverfabrik wurden in Kirchmöser Baracken gebaut, für Militärbeamte und hohe Offiziere Villen und Doppelhäuser. Architektonisch gleicht die Plauer Gartenstadt den Schmitthenner-Siedlungen Staaken (1914-17) und Forstfeld bei Kassel. Beim Bau der Gartenstadt legte Schmitthenner Wert darauf, dass die bestehenden Wege sowie die Bäume erhalten bleiben – die heutige Lewaldstraße beispielsweise war zu Beginn des 20. Jahrhundert von Birken gesäumt. Von den ursprünglich im Bebauungsplan vorgesehenen 300 Einfamilienhäusern wurden jedoch laut Michel nur 212 in mehreren Bauabschnitten realisiert – beispielsweise wurde die Bebauung westlich der Lewaldstraße verworfen. Die Eingänge der Siedlung gestaltete der Architekt wie eine ''lebende Stadtmauer''. Hinter den Wohnhäusern erstrecken sich schmale 30 bis 40 m lange Gärten. Im Bereich der Triftstraße wurde ein großer mit Linden umpflanzter Kinderspielplatz angelegt. Das von Schmitthenner geplante Gasthaus am Eingang Wasserwerkstraße wurde nie gebaut. Um 1927 gab es laut Kurt Michel Pläne, die Gartenstadt um breite zweigeschossige Mehrfamilienhäuser zu erweitern - nach Expertenmeinung hätten diese Bauten, die nie verwirklich wurden, nicht ins Stadtbild gepasst. 1944 sollten zwischen Bredow- und Wasserwerkstraße 48 Notunterkünfte für Evakuierte und Bombengeschädigte entstehen – allerdings wurde erst in den 70er Jahren das Gelände bebaut - mit einem Garagenkomplex. Nach der Wende wurde die Genossenschaft aufgelöst und die Häuser für durchschnittlich 2.500 bis 3.500 Mark an die Mieter verkauft